The Water Carrier, 1991, Öl auf Karton, 137,5 x 98,8 cm

The Water Carrier, 1991

Wasserträgerin als Ikone des Durchhaltevermögens

Wasser, Feuer, Erde, Luft – die vier Elemente der Welt, Ursprung und Grundlage allen Lebens, zugleich aber auch Träger von Zerstörung und Wandel, durchziehen das Werk Ruth Baumgartes als wiederkehrendes Motiv. Besonders in ihrem Afrika-Zyklus, der zwischen 1984 und 2010 entstand, lotet sie die existenziellen Bedingungen menschlichen Lebens aus, stets mit einem besonderen Blick auf die Rolle der Frau innerhalb der Gemeinschaften.

Erst Mitte der 1980er Jahre begann Ruth Baumgarte intensiv nach Afrika zu reisen, um die kulturelle Vielfalt des Kontinents zu erleben, aber auch um die tiefgreifenden sozialen und politischen Umbrüche zu bezeugen. Ihre Eindrücke übersetzte sie in farbintensive Arbeiten, die weniger dokumentarisch als vielmehr atmosphärisch verdichtet sind – Reflexionen über den Lebensrhythmus, über Arbeit und Tradition, über Transformation und Widerstandskraft.

Ein zentrales Motiv ihres Schaffens ist die Frau als tragende Kraft des gesellschaftlichen Gefüges, oft dargestellt in Tätigkeiten, die das Überleben sichern: bei der Feldarbeit, beim Entfachen des Feuers, bei der Zubereitung von Nahrung – oder, wie im vorliegenden Ölbild von 1991, beim Wasserholen, einer der elementaren Aufgaben, die traditionell den Frauen zufällt.

Einer Karyatide gleich, erhebt sich die Wasserträgerin als monumentale Figur im Zentrum der Komposition. Mit aufrechtem Gang und hocherhobenen Armen stabilisiert sie den Krug auf ihrem Kopf. Hinter ihr fließt ein dunkler Wasserlauf, an dessen gegenüberliegendem Ufer ein Mann sitzt – ein spannungsvolles Gegenspiel von Bewegung und Innehalten, von Präsenz und Distanz. Das aufglühende Gelb der Vegetation kontrastiert mit der kühlen Düsternis der Wasserstelle, und die dramatischen Hell-Dunkel-Kontraste verleihen der Szene eine fast surreale Intensität.

Doch das Bild ist mehr als eine atmosphärische Momentaufnahme. Es ruft eine Realität in Erinnerung, die bis heute Millionen Menschen betrifft: In vielen Regionen Afrikas verbringen Frauen und Kinder täglich bis zu zwölf Stunden damit, Wasser zu holen – eine physische und soziale Bürde, die tief in kolonialen und postkolonialen Strukturen verwurzelt ist. Baumgartes Wasserträgerin ist nicht nur eine Figur der Notwendigkeit, sondern eine Ikone des Durchhaltevermögens. Sie steht für die lebensspendende Kraft des Wassers, aber auch für die unerschütterliche Stärke der Frauen, die diese Last tragen – buchstäblich und metaphorisch – in Gesellschaften, die zwischen Tradition und Modernität oszillieren.

Ruth Baumgartes Afrika-Zyklus geht weit über eine malerische Annäherung an einen fremden Kontinent hinaus. Vielmehr entwickelt sie eine tiefempfundene visuelle Reflektion über das Spannungsfeld zwischen Überlieferung und Umbruch, über Widerstand und Resilienz – ein malerisches Zeugnis der existenziellen Kraft, die den Kulturen Afrikas innewohnt.