Anatomical Landscape II (Africa X), 1991
Schon während ihrer Akademiezeit in den 1940er-Jahren in Berlin zeichnete Ruth Baumgarte Rückenakte von Männern und Frauen. Mit kantigem Kohlestift erkundete sie anatomische Details, insbesondere die Schulterpartie, und reihte sich damit in eine lange Bildtradition ein, die von Michelangelo bis hin zu figürlich-expressiven Malern wie Egon Schiele, Ernst Ludwig Kirchner, Lucian Freud und Rainer Fetting reicht. Auch Bildhauer wie Auguste Rodin, Camille Claudel und Georg Kolbe setzten sich intensiv mit Rückenakten auseinander und beeinflussten die künstlerische Auseinandersetzung mit dieser Thematik.
In den 1990er-Jahren veränderte sich Ruth Baumgartes Bildgestaltung erneut, geprägt durch intensive Auseinandersetzungen mit dem Licht des afrikanischen Kontinents. Insbesondere eine Reise nach Ostafrika im Jahr 1991 führte zu einer radikalen Stilwende. Beate Reifenscheid betont hierzu: „Das Besondere an diesen Werken des Jahres 1991 ist nicht nur die Intensität der Koloristik, sondern genau jene Konzentration auf nur wenige Bildgestalten … Figur und Landschaft werden hier eins und betonen auf sinnbildliche Art das symbiotische Miteinander.“
Das vorliegende Gemälde wird von einer männlichen Rückenfigur dominiert. Rücken und Arme bestehen aus pastosen Pinselstrichen, die eine bewegte All-Over-Struktur bilden. Die Künstlerin verwendet reine und gemischte Farbwerte wie Gelb-Orange und Grün-Türkistöne, um fließende Übergänge im Farbauftrag zu erzielen. Vom Halswirbel aus zieht sich ein heller werdendes Gelb nach unten, während der linke Arm farblich in den Hintergrund übergeht. Der Rücken wird zur lebendigen Membran, die die Farbflut ihrer Umgebung in sich aufnimmt.
In dieser Ölmalerei verschmelzen Körper und Umwelt zu einer visionären Einheit – der Leib wird zur Landschaft, die Landschaft zum Leib. Diese rituelle Symbiose offenbart eine existenzielle Verbindung zwischen Natur, Mensch und Geist: Ein Sinnbild für den afrikanischen Kontinent und dessen fast mythischer Bedeutung als Ursprung der Menschheit.
Eine zusätzliche Inspirationsquelle war für Baumgarte der Ostafrikanische Graben, eine tektonische Narbe in der Erdkruste, die sich über 6000 Kilometer von Mosambik bis zum Roten Meer erstreckt. Diese Landschaft, in der die Erde sich öffnet und ständig neu formt, wird in der christlichen Ikonographie als eine Art „Wiege der Menschheit“ betrachtet. Die tiefen Risse der Erdkruste, die aktiven Vulkane und die massiven Gebirgsformationen wie der Kilimandscharo und der Mount Kenia beeinflussten nicht nur das Klima, sondern symbolisieren auch die ewige Schöpfung und Erneuerung des Lebens.
So steht Baumgartes Rückenfigur nicht nur in der Tradition der europäischen Rückenakt-Malerei, sondern auch in einem übergeordneten symbolischen Zusammenhang. Wie bei Rodin oder Claudel wird der Rücken hier zur Projektionsfläche für existenzielle Erfahrungen – ein Echo des Ursprünglichen, das sich mit der tiefen tektonischen Vergangenheit Afrikas verbindet.

