Nachtfalter (Circus Dreamer), 1990

Nachtfalter (Circus Dreamer), 1990
Pastellkreide auf Malkarton, 101,8 x 72,7 cm

Die eindrucksvolle, großformatige Pastellkreidezeichnung spielt in zwei verschiedenen Realitätsebenen.

Im Vordergrund ist mit starker Präsenz ein Junge zu sehen, der mit seinem nach oben ausgestreckten rechten Arm an einem Pfosten lehnt und den leicht fragenden Blick am Betrachter vorbei nach links wendet. Er steht neben einem geöffneten Gartentor und ist mit einem lässig geknöpften Hemd bekleidet, das seinen nackten Bauch freigibt. Mit dieser außergewöhnlichen Pose wirkt er sehr offen, dennoch deutet die freie Sicht eine gewisse körperliche Verletzlichkeit an.

Oberhalb davon eröffnet sich eine zweite Realitätsebene mit Figuren aus der Zirkuswelt, die sprechblasenartig in die Szenerie eingebettet sind. Hinter einem herabgelassenen gelben Vorhang verbergen sich zwei Clowns und ein Zauberer. Ein Pierrot im violetten Gewand hält eine Uhr in seiner linken Hand und weist mit der anderen auf das Zifferblatt, ein Hinweis auf die Vergänglichkeit der Zeit. Weiterer Akteur ist ein Clown in karierter Jacke, gelber Hose, weißem Hemd mit roter Schleife und weißen Handschuhen. Er hält seine Hände neben seinen Kopf, weil er vermutlich einen gelben Ball in Richtung des Jungens geworfen hat. Hinter den beiden Spaßmachern ist ein Zauberer mit violettem und die Augen verschattenden Zylinder zu erkennen. Er hat seine rechte Hand winkend erhoben.

Die Szenerie hat einen unwirklichen und gleichzeitig zauberhaften Charakter. Doch welche Aussage steht hinter dieser großartigen, akribisch ausgeführten Zeichnung?

Die Sequenz der Bildmotive verweist in die Welt des Traums, was auch der Titel Nachtfalter andeutet. Die Uhr und die Zweiteilung der Komposition bringen das Thema Zeit und Zeitenwandel ins Spiel.

Deshalb kann vermutet werden, dass Ruth Baumgarte in diesem eindrucksvollen Blatt den Wechsel von der Kindheit in die Adoleszenz thematisiert. Das Tor ist geöffnet und der Weg ist beschritten. Der Junge blickt gebannt auf etwas, das dem Betrachter verborgen bleibt. Hinter ihm liegt die kindliche Fantasiewelt, die er nun verlässt und zusehends verdrängen wird. Der vom Clown geworfene Ball kann als ein Verbindungselement zwischen beiden Bildebenen angesehen werden, denn die Erfahrungen der Kindheit werden nie ganz von der späteren Wirklichkeit ausgelöscht.

Interessant ist, dass Ruth Baumgarte bereits in ihrem Selbstbildnis (…an der Tür) von 1979 eine angelehnte Figur in ähnlichem Kontext gewählt hat. Auch dort verkörpert das Bildmotiv die Situation des Wandels und der Veränderung.

(Detail) Nachtfalter (Circus Dreamer), 1990
Pastellkreide auf Malkarton, 101,8 x 72,7 cm