Folge "Einäugiger David", 1983

Folge Einäugiger David (Wann), 1983
Dreiteilige Bildfolge, Sepia auf Papier, unterschiedliche Maße

Ruth Baumgarte befasste sich in ihren Werken immer wieder mit dem aktuellen Zeitgeschehen. Mit ihrem unbestechlichen Blick geht sie den einschneidenden Veränderungen im Verhältnis von Individuum und der Gesellschaft nach und legt in ihrem Werk die Abgründe der 1970er und 1980er Jahre offen. Gleichnishafte Motive spielen eine immer größere Rolle. Ihre Darstellungen entfernen sich von nüchternen Abbildungen hin zu symbolistischen und teils surrealen Kompositionen. Sie entwirft nun mehrteilige Bildserien, die um Formen des kollektiven Gedächtnisses kreisen.

In ihrer dreiteiligen Folge Einäugiger David von 1983 bezieht sich die Künstlerin vermutlich auf die wachsenden Spannungen zwischen Israelis und Palästinenser Anfang der 1980er Jahre. Im Zentrum einer düsteren Sepiazeichnung steht das Brustbildnis des titelgebenden David, der erste und bedeutendste König über Juda und Israel. Im Habitus eines tiefreligiösen Juden sehen wir einen älteren Mann, der Kippa, Bart und Schläfenlocken trägt. Das Licht fällt auf seine knochigen Hände, die er in einem fragenden Gestus erhebt. Doch worauf ist das Wann, das auf einem Papier auf dem Passepartout befestigt ist, gerichtet? Nicht auf ein vergangenes Ereignis: Denn der Strommast im Hintergrund deutet auf die Aktualität seiner Frage hin. Die Menschen scheinen auf der Suche nach einer sicheren Heimat, einer festen Wohnstätte unter modernen Bedingungen zu sein, so wie es die Szene mit Haus und Stromversorgung hinter dem modernen David beschreibt. Mit den Motiven von Vertreibung und Flucht stößt Ruth Baumgarte Themen an, die sie fortan auch in ihrem Afrika-Zyklus intensiv beschäftigen wird.

Dreiteilige Bildfolge - Einäugiger David

Folge Einäugiger David (Wann), 1983
Sepia auf Papier, 63,5 x 45,5 cm
Folge Einäugiger David (Wohin), 1983
Sepia auf Papier, 74,7 x 55,6 cm
Folge Einäugiger David (Wohin), 1983
Sepia auf Papier, 66,5 x 47 cm