Ruth Baumgartes Skizzenbücher

Sant Pere Pescador, 1982
Tusche auf Papier, 24,1 x 18 cm

Kein Tag ohne Linie! Mit diesem künstlerischen Motto, das Paul Klee für sein umfangreiches spätes Zeichenwerk fand, könnte man auch Ruth Baumgartes Leidenschaft für Spaniens Landschaft, Architektur und Erzählkultur bezeichnen. Auf ihren Reisen in Nordspanien entstehen zahlreiche Momentaufnahmen im Freien. Fast jedes Blatt datiert sie, so dass ihre dichten Schaffensperioden während der 1980er Jahre auch heute greifbar werden.

Neben farbigen Aquarellen ist im Bildband der Ausstellung dieses kleinformatige Blatt vom 1.4.1982 zu entdecken. Die Künstlerin porträtiert die alleinstehende Palme mit der Agave und einigen Jungpflanzen im Ampurdán, dem fruchtbaren Hinterland der Costa Brava. Mit wenigen, prägnanten Strichen erkundet sie deren eigentümliche Form und Struktur und zwar so genau, dass das hohe Gewächs gerade nicht, wie so oft in der Kunst, als Symbol für die überschwängliche Schönheit des mediterranen Südens erscheint. Die Blätter sind vielmehr vom Wind zerzaust und von der Sonne ausgedörrt. Ruth Baumgarte zeigt in der Darstellung der Palme die nicht so perfekten Seiten der Natur auf und zieht damit eine Analogie zu den menschlichen Randexistenzen, denen sie in ihrem Werk immer wieder nachgeht.

Freiluftatelier Spanien

Kalter Tag (Auf dem Weg nach Requesens), 1982
Tusche auf Papier, 16,8 x 22,9 cm

Auf ihren Entdeckungsreisen in Nordspanien wird die Natur zum Freiluftatelier von Ruth Baumgarte. Mit leichtem Gepäck, einem kleinen Klappstuhl, Kaffeebecher, Skizzenblock, Aquarellkasten und diversen Zeichenstiften und -pinseln, geht sie auf Wanderungen. Auf dem Weg zur Burg von Requesens am 30. März lässt sie sich spontan nieder und hält ein von Bäumen halb verborgenes Gehöft fest. Die Zeichnungen fasst sie später im Spanischen Skizzenbuch zusammen.

Dass gerade ab 1980 ihr Werk sprunghaft anwächst, hat mit der Neuordnung ihres privaten und beruflichen Lebens zu tun. Ihre Galerie Das Fenster, die sie seit 1975 auf kleinstem Raum selbstständig führt, ist ein unverzichtbarer Anker in der Vermittlung der regionalen Kunstszene in Bielefeld geworden. Doch sie atmet auf, als sie diese 1982 schließt. Schließlich hätte sie ihre eigene künstlerische Arbeit dabei vernachlässigt und könne, wie sie in einem Interview über diese Zeit erwähnt, „nicht immer Porträts malen“, mit denen sie u. a. ihren Galeriebetrieb finanziert.

Die Arbeiten für das Spanische Skizzenbuch stellen somit einen wichtigen Wendepunkt ihres Schaffens dar – die Künstlerin zeichnet sich sozusagen „frei“. Hier bereitet sie Ideen, Motive und Themen vor, u. a. weite Landschaftsansichten, die in späteren Werkgruppen bspw. in ihrem Afrika-Zyklus eine große Rolle einnehmen werden.

Freiluftatelier Spanien II

Sant Pere Pescador, 1981
Tusche auf Papier, 18 x 24 cm

Pinsel oder Feder, grobes oder feines Zeichenpapier? Je nachdem, welche Motive und Wetterstimmungen Ruth Baumgarte auf ihren Wanderungen durch Nordspanien vorfindet, wählt sie das eine oder andere Zeicheninstrument aus ihrer Tasche. Auf ihren Entdeckungstouren erkundet sie auch die Region um den Ort Sant Pere Pescador, der reizvoll zwischen felsigem Küstenstrich, dem Golf de Roses, und den schon sichtbaren Ausläufern der Pyrenäen liegt.

Mit spitzer Feder entwirft sie auf dem kleineren Blatt eine dörfliche Situation am Wegesrand: Ein Anwesen mit Garten und Häusergruppe. Die Mauer erscheint verwittert. Ein mit Kugeln gekröntes Tor verströmt noch herrschaftliches Flair, doch gleich daneben strecken sich unverbundene Holzlatten in die Höhe. Den allzu romantischen Blick ihrer Betrachter auf das spanische Dorf bricht die Künstlerin auch, indem sie links einen Strommast setzt und Fernsehantennen in die vermeintliche Idylle miteinbezieht