Industrielle Weltstadt, 1964

Industrielle Weltstadt, 1964
Aquarell und Bleistift auf elfenbeinfarbenem Papier, 30 x 21 cm

Das vorliegende Blatt zählt zu sechs Aquarellen, die ursprünglich für die Kalenderausgabe der Eisenwerke Baumgarte von 1965 vorgesehen waren, aber nicht verwendet wurden. Die Werkgruppe ragt aufgrund ihrer leuchtenden Farbigkeit, der dichten Komposition und spezifischer Details, die nur hier zu finden sind, aus den anderen Kalenderblättern heraus.

Ein dichter Prospekt moderner Hochhäuser, Kirchen und Fabrikschloten staffelt sich vom unteren Bildrand fast bis zum Horizont hinauf. In der Mitte durchschneidet ein Schornstein das Bild. Mit seiner grün-blauen Farbe scheint er den Baum, der unten seine dürren Äste ausstreckt, zu ersetzen. Die Stadt hat die Natur fast völlig verdrängt; zurück bleibt ein karges Geäst, das dem enormen Wachstumsstreben der Metropolen nichts mehr entgegenzusetzen hat.

Ruth Baumgarte zeigt mit diesem Motiv schon 1964 die Konsequenzen einer rücksichtslosen Verstädterung der Lebensräume an und deutet die nachhaltigen Konsequenzen für Natur und Umwelt an. Erst ab den 1970 Jahren wird sich die Gesellschaft für Umweltthemen stärker interessieren und auf den Weckruf des Club of Rome (gegründet 1968) reagieren, der in seinem Bericht über die „Grenzen des Wachstums“ von 1972 vor dem Kollaps der Erde, dem Anwachsen der Weltbevölkerung und dem ungezügelten Verbrauch wertvoller Ressourcen warnte.