"Werde, die du bist!" Ruth Baumgarte - Lebenskunst

Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund, 15. November 2020 – 21. Februar 2021

Viola Weigel und Wiebke Steinmetz (Hrsg.): Werde, die du bist! Ruth Baumgarte - Lebenskunst. Hirmer, München, 264 Seiten, deutsch/englisch 2020.

Im Zuge der Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19 Pandemie wird die Ausstellung erst geöffnet, sobald es den Museen in Nordrhein-Westfalen wieder möglich ist, Besucher zu empfangen. Selbstverständlich informieren wir Sie, wann die Ausstellungsräume wieder geöffnet sein werden.

Während einer von radikalen Umbrüchen geprägten Zeit schuf Ruth Baumgarte (1923 – 2013) ein künstlerisches Lebenswerk, in dem sie den Menschen und dessen fragiles Dasein im 20. Jahrhundert ins Zentrum stellt. Hellsichtig und präzise gegenüber den sozialen und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen ihrer Zeit reicht ihr Werk von einfühlsamen Portraits über Darstellungen von Arbeitswelten und tagebuchartigen Reisebildern bis hin zu kritischen Reflexionen umweltpolitischer und sozialer Fragen am Ende des 20. Jahrhunderts. Schließlich kulminiert ihr Werk in einem etwa 100 Zeichnungen und Gemälde umfassenden Zyklus, der als eindrückliches Ergebnis ihrer 40 Reisen auf dem afrikanischen Kontinent gelten kann. Gleichzeitig stellt er einen besonderen Höhepunkt ihres Schaffens dar. Während ihres Werdegangs als Künstlerin reifte sie zu der Persönlichkeit heran, die in ihr bereits angelegt war.

Die Übersichtsschau Werde, die du bist! Ruth Baumgarte – Lebenskunst leitet in vier thematischen Kapiteln mit circa 180 Zeichnungen, Gemälden und historischen Dokumenten durch das Leben und Werk einer deutschen Künstlerin.

Ruth Baumgarte wird als gegenständlich arbeitende Künstlerin vorgestellt und dabei ihr Bezug zur Gegenwart unterstrichen, etwa, wenn es um ihr Selbstverständnis als emanzipierte Frau geht oder um Besonderheiten ihres Schaffens: Dazu zählt ihre frühe Auseinandersetzung mit dem Konflikt zwischen Mensch und Umwelt oder ihr Afrika-Zyklus, der Themen wie Vertreibung, Migration und Flucht behandelte, bevor dazu ein kunsthistorischer Diskurs in der westlichen Welt einsetzte.

Kapitel 1 - Werdegang

Coming of Age

Zigeuner im Regen, 1943, Kreide auf Papier, 48 x 37,8 cm.

Der jeweiligen Sozialisation und Kunstdoktrin trat Ruth Baumgarte durch eigenständiges Denken und Arbeiten entgegen. In Berlin besuchte sie von 1941 bis 1944 die Hochschule der bildenden Künste. Doch der gleichgeschalteten Kunstlehre des Nationalsozialismus begegnete sie mit einem eigenständigen Motivrepertoire, das sie nicht öffentlich zeigen konnte.

Beispielhaft ist dafür ihre frühe Zeichnung Zigeuner im Regen, die implizit auf die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Dritten Reich anspielt. Im Rahmen der Neupräsentation der Dauerausstellung im Museum Lichtenberg in Lichtenberg-Berlin ab Winter 2020 wird dieses Kunstwerk erstmals im historischen und kunsthistorischen Kontext präsentiert. Ruth Baumgarte wird für ihr systemkritisches Denken mit einer Gedenkstele an ihrem früheren Wohnort in Berlin-Karlshorst am 30.10.2020 geehrt.

Ruth Baumgartes Wohnort in Berlin-Karlshorst und der heutige Platz der Gedenktafel liegen in der Gegend der nicht mehr vorhandenen Laubenkolonie Wiesengrund, die in den 1940er Jahren von Sinti und Roma als Siedlung genutzt wurde, unweit des sogenannten "Zigeunerlagers" in Berlin-Marzahn. Die junge Künstlerin unterhielt trotz immer strikterer Restriktionen Verbindungen und Sympathien für Sinti und Roma.

Einige Arbeiten, die sie nur mit einer Sondergenehmigung aus dem Nachkriegsberlin ausführen konnte, erzählen von Vertreibung und Verfolgung, so auch die Zeichnung „Zigeuner im Regen“ von 1943. Zwei Musiker fliehen durch den Regen vor einer im Bild sich abzeichnenden Gefahr. Die überwachten Bahngleise zum historischen Bahnhof Berlin-Wuhlheide, einer der letzten Stationen in der Deportation, finden sich zudem als mahnende Zeichen des beginnenden Genozids. Ruth Baumgartes in Berlin-Karlshorst entstandene Werke stammen aus einer Zeit der Verfolgung und Repression, als bereits das sogenannte „Zigeunerlager“ in Berlin-Marzahn bestand. Die junge Künstlerin wurde so zu einer genauen Beobachterin ihrer Umwelt, die nicht vor verbotenen und unbequemen Wahrheiten zurückschreckte, sondern zeitlebens ihre künstlerische Arbeit dem Menschen in seiner Realität widmete.

Kapitel 2 - Fabrikwelten

Arbeits- und Industriewelten

Als eine der wenigen Künstlerinnen im Nachkriegsdeutschland interessierte sich Ruth Baumgarte immer wieder für Darstellungen des Arbeiters und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zur Kunstgeschichte, insbesondere in ihrem Werkzyklus Arbeitswelten von 1952 bis 1967.

In der Dortmunder Ausstellung werden überraschende Parallelen zur zeitgenössischen Industriefotografie in Nordrhein-Westfalen sichtbar.

Kapitel 3 - Zukunftsängste

Eiszeit

Nach den Jahren der wirtschaftlichen Prosperität werden die sozialen und umweltpolitischen Gefährdungen in Deutschland sichtbar. Mit der Übergriffigkeit des Menschen auf Natur und Umwelt setzte sich Ruth Baumgarte in zahlreichen Werken in den 1980er Jahren auseinander. In ihren Milieustudien um 1985 blickt sie auf das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft und auf diverse Ausdrucksformen der Jugendkultur und interpretiert diese neu.

Heute wieder höchst aktuelle und brisante Diskurse zu Themen wie Umweltschutz, Obdachlosigkeit und die Bedrohung durch Atomkraft (Fukushima) hat Ruth Baumgarte in ihrem Werk schon früh beachtet.

Kapitel 4 - Utopie Afrika

Afrika der 1980er bis 1990er Jahre

In ihrem expressiven, teils apokalyptisch anmutenden Afrika-Zyklus (1984-2004) zeigt Ruth Baumgarte gesellschaftliche und sozialpolitische Umbrüche und Prozesse. Ihre Eindrücke aus Afrikareisen von den 1950er bis 1990er Jahren zeichnen ein differenziertes Bild dieses Kontinents nach und führen zu einem eigenständigen Konvolut von 70 Ölgemälden.

Heute aktuelle Themen wie Vertreibung, Migration und Flucht werden im Gemäldezyklus „Afrika“ sichtbar und dies bevor ein breiter, kunsthistorischer Diskurs zum Thema Afrika in der westlichen Welt einsetzt. Diesem Punkt könnte im Zusammenhang der Kunst aus dieser Zeit nachgegangen werden.

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