Ruth Baumgarte. Farbrausch am Kessel

Städtischen Kunstsammlungen Salzgitter, Schloss Salder, 22. November 2015 - 31. Januar 2016

S. Mühlenberend: Ruth Baumgarte. Farbrausch am Kessel, Städtische Kunstsammlungen Salzgitter, 2015.

Mit der Ausstellung Ruth Baumgarte. Farbrausch am Kessel nehmen die Städtischen Kunstsammlungen Bezug auf die Rolle Salzgitters als Standort der Stahlindustrie und knüpfen inhaltlich an die im Museum befindliche und seit 1975 sukzessiv zusammengetragene Sammlung mit dem Schwerpunkt Arbeitswelt an. Diese beinhaltet Kunstwerke sowohl der klassischen Moderne als auch der zeitgenössischen Kunst. Namen wie Jasper Johns, Käthe Kollwitz, Max Liebermann, A.R. Penck und Neo Rauch sind hier vertreten.

Die Städtischen Kunstsammlungen sind zudem für den seit 1990 jährlich stattfindenden Salon Salder bekannt, der erfolgreich zeitgenössische, künstlerische Positionen aus Niedersachsen präsentiert.

Im Zentrum der Ausstellung von Ruth Baumgarte steht die bundesdeutsche Schwerindustrie, ihr gewichtiger Wiederaufbau in der Nachkriegszeit, ihre nachfolgende Modernisierung und gewaltige Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Künstlerin porträtiert und dokumentiert Mensch und Produktion gleichermaßen. Teils graphisch, teils malerisch und im Wesen gegenständlich richtet sie den Fokus auf den Menschen beziehungsweise auf seine Verortung im Gesamtprozess, besonders eindringlich auf die Schwere der händischen Arbeit. Eine ausdrucksbetonte, teils expressive Farbigkeit sowie bis ins Abstrakte gehende Farbflächen und Formen lösen den die Menschen umgebenden Raum zuweilen auf, lassen diese aber nie verloren wirken, sondern verleihen ihnen Würde und Lebendigkeit in der Bindung von Körper und Produktionsmitteln. Ruth Baumgartes künstlerische Sensibilität für das Thema gibt tiefe Einblicke in die beachtlichen Leistungen der Arbeiter im Produktionsprozess selbst, zeigt ihre körperlichen Anstrengungen und Ernsthaftigkeit geleisteter Arbeit.

Ruth Baumgarte ist eine der wenigen Frauen in der Geschichte des Industriebildes, die sich neben anderen Werkzyklen auch mit Technik und Arbeit künstlerisch auseinandergesetzt und ihre Werke direkt vor Ort angefertigt hat. Ihr Auge erfasst nicht nur die Raumdimensionen der Schwerindustrie, speziell der Eisenverarbeitung, sondern zudem technische Details und Arbeitsabläufe. Ihre Porträtstärke setzt dem Arbeiter ein Denkmal, indem sie Entbehrungen und Stolz in derselben Weise festhält. Orientiert an einem politischen Arbeitsbild, hebt sie sich ab vom meist positivistischen Industriebild ihrer künstlerischen Zeitgenossen und überführt das Thema ins reale Innere der Verhältnisse.

Im Rahmen der Ausstellung findet am 10. Januar 2016 um 11 Uhr eine Lesung mit Hannelore Hoger statt. Die Schauspielerin liest literarische Texte zum Thema Arbeit und Industrie von Martin Walser und Egon Erwin Kisch. Zur Ausstellung erscheint eine 160 seitige Buchpublikation, herausgegeben von Dr. Sandra Mühlenberend.

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