Über das Erwidern von Ruth Baumgartes Blick

Maren Bodenstein

Schriftstellerin, Südafrika

 

Wenn ich mir die Fotografien der Khakikleidung tragenden Ruth Baumgarte inmitten einer Gruppe von Angehörigen der Volksgruppe der Massai ansehe, dann kommt sie mir irgendwie vertraut vor, als hätte ich sie schon einmal irgendwo getroffen. Sie wurde im selben Jahr geboren wie mein Vater, und so ziehen mich ihre Fotografien und Gemälde in meine in einem winzigen Dorf in Zululand (Südafrika) verbrachte Kindheit zurück.

Hermannsburg hieß der Ort, wo die deutschen Missionare hinkamen, um isiZulu zu lernen, bevor sie sich trauten, zu entlegenen Missionsstationen weiterzuziehen. Meine Eltern unterrichteten dort. Im Grunde waren sie Bohemiens, sie liebten Musik, Theater und Kunst, und wann immer es ging, ließen sie ihre fünf Kinder zurück, um nach Deutschland zu reisen. Die Experimenten zugetane, die Dinge hinterfragende kulturelle Atmosphäre im Deutschland der Nachkriegszeit stimulierte sie. Sie freundeten sich mit Musikern an, mit radikalen Theologen, Künstlern und Abenteurern. Viele von ihnen statteten umgekehrt Hermannsburg einen Besuch ab. Die Erheiterung, mit der sie unsere noch in der Vorkriegszeit angesiedelte Rückständigkeit zur Kenntnis nahmen, entging mir nicht.

Der Höhepunkt dieser Besuche war in der Regel ein Ausflug zu den "Dornen", einem felsigen, trockenen, etwa 30 Kilometer entfernten Akazien-Buschland. Man fuhr in unserem verbeulten alten Auto dorthin, und als Jüngste durfte ich mitkommen. Spannend wurde es, sobald wir den Steilhang hinabfuhren und die Ziegen über die Straßen zu rannen begannen. Barbusige Frauen, die riesige Tontöpfe trugen, und junge Männer mit Lendenschurzen aus Tierhäuten vermittelten unseren Gästen das Gefühl, sie seien nun endlich im »authentischen« Afrika angekommen. Wir hielten an, um Künstler und die Heimstätten von Stammesoberhäuptern zu besuchen. Man gab sich die Hand, und es entstanden offenherzige Beziehungen. Mein Vater sprach fließend Zulu, und es herrschte eine Atmosphäre gutherziger gegenseitiger Neugier.

Und dann fuhren wir wieder weg.

Auf dem Nachhauseweg (ich saß nun hinten, eingequetscht zwischen den gerade erworbenen Holzskulpturen, Tontöpfen und Perlenarbeiten) herrschte zunächst eine ungewöhnliche Stille. Und dann brach es plötzlich aus den Erwachsenen hervor. Sie versuchten ihrem Entzücken Ausdruck zu verleihen, indem sie von der wunderbaren Komplexität der afrikanischen Kultur sprachen, deren Zeuge sie geworden, und von der Offenheit, der sie begegnet waren. Irgendetwas öffnete sich bei diesen Reisen immer in ihnen. Irgendeine tiefe Verbindung entstand.

Und umgekehrt haben diese Verbindungen mich tief beeinflusst. Ein Großteil meines Werkes als weiße Schriftstellerin, die im Südafrika der Nach-Apartheid-Zeit lebt und arbeitet, dreht sich darum, ein Gefühl des Hierhergehörens zu entwickeln, zu versuchen, mich im Land meiner Geburt zu verorten.

Aus dieser Position heraus interessiert und fasziniert mich Ruth Baumgarte und ihr Verhältnis zu Afrika. Und während ich mir ihre Werke ansehe, wird mein Geschichten erzählendes Denken von so vielen Fragen überschwemmt.

Warum ist sie so oft nach Afrika gefahren? Mit wem ist sie gereist? Wie ist sie gereist? Wonach hat sie gesucht? Was hat sie hier gefunden? Wie war ihre Beziehung zu den Leuten, die sie malte?

Mich interessiert ihr Blick.

Nach innen schauen

"Frau am Fluss" (On the River Bank) ist eines der ersten in der Reihe ihrer Afrika-Bilder. Es ist das intime Porträt einer schwarzen Frau, die an einem Fluss sitzt, während sich im Hintergrund eine Stadt abzeichnet. Die Farben sind gedämpft, melancholisch, fast schmerzhaft. Die Frau unterbricht ihre mühevolle Arbeit, um über sich und ihr Selbst nachzudenken. Und ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob dieses Innehalten, dieses Den-Blick-nach-innen-Wenden, nicht jenes Initialgeschenk gewesen ist, welches die Künstlerin in der Mitte ihrer Sechziger auf ihrer Afrikareise erhielt?

Das Nach-Bild

Vier Jahre später malt Ruth Baumgarte eine andere kontemplative afrikanische Figur. "In the Desert" zeigt einen Mann, der von einer zeitlosen, in satten, intensiven Farben gestalteten Landschaft umfangen wird. Doch dieser Mensch befindet sich im Einklang mit sich selbst. Er muss seine Augen nicht gegen die Welt abschirmen.

Die Gemälde aus diesem Jahr (1991) sind groß und markant und glühen vor Farbe. Afrika hat etwas in der Künstlerin geöffnet, und ich stelle mir vor, wie sie die Landschaft und die Menschen mit ihrem ganzen Wesen in sich einsaugt und Skizzen anfertigt, um Formen und Gestalten zu erfassen. Europa ist aus ihrem Bewusstsein verschwunden. Und dann, nach Wochen und Monaten kehrt sie nach Deutschland zurück, in eine öde und graue Landschaft, eine industrialisierte, ordentliche, systematisierte Welt, die von Ideen und Erinnerungen gesättigt ist. Sie lehnt sich auf ihrem Sitz zurück und lässt die Erfahrung Afrikas langsam in sich einträufeln. Sie greift nach ihren Farbtuben, nach ihren Pinseln und malt die lebhaften, in ihrem Innersten eingedruckten Nach-Bilder. Sie spürt die warmherzige Offenheit all der Menschen, denen sie auf ihren Reisen begegnete.

In "African Landscape I" (1991) läuft eine kleine Figur in eine zeitlose, abstrakte Landschaft hinein, deren fester Bestandteil sie ist. Die Künstlerin projiziert nun ungehindert eine lebendige und in vielen Farben schimmernde Welt auf die Leinwand.

Sich mit den Frauen hinsetzen

In "The Mid-day Rest" (1991) sitzt die Künstlerin inmitten der Frauen, die im Schatten der Bäume die Unterbrechung der Arbeit während der Mittagshitze genießen. Jenseits der touristischen Komfortzone wird sie hier zur unsichtbaren dritten Frau innerhalb der Szene. In "The Bride Price" (das ebenfalls 1991 gemalt wurde) sitzt die Künstlerin abermals auf dem Boden, auf derselben Höhe wie die Frauen in der Ferne. Sie sitzt direkt hinter dem jungen Mann und kann den Weg sehen, den er noch vor sich hat, vorbei an den Frauen, den ganzen Weg bis in das Dorf, wo er den Brautpreis bezahlen wird.

Auch hier werden Figur und Landschaft wieder eins. Das scheint typisch für ihr Werk zu sein.

Der direkte Blick

Mittlerweile ist die Künstlerin von Afrika besessen. Wieder und wieder (fast vierzig Mal im Verlauf von vierzig Jahren) besucht sie Südafrika, Kenia, Sambia, Simbabwe, Tansania, Uganda, Äthiopien, Sudan. Nicht nur die Landschaft fasziniert sie, sondern sie fühlt sich auch von den Menschen angezogen. Es ist so, als würde das dem-Anderen-Ausgesetzt-Sein unbekannte Räume in ihr selbst öffnen.

In dem Gemälde "Misunderstanding" (1993) erwidert die junge Frau in Weiß den Blick der Künstlerin selbstbewusst und kokett. Der Blick ist trotzig und intim – möglicherweise sogar ein Spiegel des eigenen Trotzes der Künstlerin gegenüber der wichtigtuerischen Patina des europäischen Lebens und der europäischen Kultur?

In den beiden 2001 entstandenen Gemälden "The African II" und "The African III" erwidern die Einwohner den Blick jener Frau, die ihrerseits gekommen ist, um sie zu beobachten.

Der allegorische Blick

Durch ihre wiederholten Besuche wird sich die Künstlerin der Politik und der Konflikte der von ihr besuchten Orte immer bewusster. Sie malt allegorische und politische Statements zu Afrika. Dies zeigt sich an Titeln wie "African Vision", "His Land" und "The African". Sie ist bestrebt, für Afrika zu sprechen.

Ab etwa 1995 beginnen die Rot-, Orange- und Gelbtöne – die Farben des Feuers, der Hitze und Leidenschaft – die Gemälde zu beherrschen. Der Pinselduktus der Künstlerin ist völlig frei geworden, fast könnte man von Chaos sprechen. Einige der Rottöne, vor allem in "Rift Valley" und "His Land", lassen an Blut denken, als Kennzeichen von Vitalität und von Gewalt. Der Tod hängt über den Gemälden der Geier, die in der Luft schweben. Es scheint, als hätten die Reisen nach Afrika in der Künstlerin schließlich einen Durchbruch bewirkt, der es ihr erlaubte, durch die dicken Schichten ihrer eigenen Kultur und Ausbildung zu einem wesentlicheren und sterblichen Selbst vorzustoßen.

Der warme Blick

Ruth Baumgarte starb 2013 (im selben Jahr wie mein Vater), und bis zum Ende ihres Lebens äußerte sie immer wieder den Wunsch, nach Afrika zurückzukehren, an jenen Ort, der ihr so viel profunde Verbindung geboten hatte – den Spiegel ihrer trotzigen Lebendigkeit. "In the Evening" (2003) markiert das Ende der wiederholten Aufenthalte dieser großen Forschungsreisenden in den „Dornen“. Und mit diesem Gemälde kehrt die Künstlerin in ihren Achtzigern zu einem intimeren und geborgeneren Raum in sich selbst zurück. In einem mit Leuten gefüllten Raum sitzend blickt sie zärtlich auf eine neue Generation, die im warmen roten, gelben, orangefarbenen Widerschein einer von ihr gemalten Lampe lernt.