Ruth Baumgarte – Eine Reaktion auf ihre Gemälde. Ein Kontinent und so viele verschiedene Aspekte

Chirikure Chirikure

Schriftsteller, Simbabwe

 

Ich wurde im südlichen Teil Simbabwes auf dem Land geboren. Meine Kindheit verbrachte ich in diesen ländlichen Gegenden und während der letzten beiden High-School-Jahre konnte ich etwas Zeit in der Stadt verbringen. Aber erst als ich auf die Universität ging, hielt ich mich während des größeren Teils des Jahres in der Stadt auf. Als ich das Studium beendet hatte, wurde ich dann zu einem dauerhaften Stadtbewohner, da ich eine Stelle als Verleger gefunden hatte. Aber auch heute noch verbringe ich gelegentlich Zeit auf dem Land, wo meine Eltern und ein Großteil meiner Verwandtschaft bis heute leben.

Während all dieser Jahre hatte ich Zeit, im Freien zu sitzen und das Land zu bewundern, die Landschaft, die dahinströmenden Flüsse, die wellenförmig wirkenden Hügelketten, und das tue ich auch heute noch. Doch meine Aufmerksamkeit verweilt nicht lange bei diesen Dingen. Stattdessen richtet sie sich nun auf die Kinder, die im Flussbett spielen, auf die Mädchen, die schwere Wassereimer vom Fluss herauftragen, auf die Jungen, die am Berghang Vieh hüten, auf die Mütter, die versuchen, in den immer stärker schrumpfenden Wäldern Feuerholz zu sammeln, auf die Männer, die Gras schneiden, um damit die Hütten ihrer Familien zu decken, auf die jungen Liebenden, die sich im Tal gegenseitig necken, auf ein älteres Paar, das auf dem Nachhauseweg singt, nachdem es sich zuvor ein Bier genehmigt hat, und auf einige zornige junge Männer, die einander zum Faustkampf herausfordern. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf die Paviane, die auf dem Berggipfel nach Nahrung suchen, auf die Fische im Fluss, die noch am selben Tag in einem Kochtopf landen könnten, auf die Vögel, die mit so vielen verschiedenen schönen Stimmen singen.

Für mich ist die Landschaft keine Entität. Sie ist kein Wunder der Natur, das um seiner eigenen Existenz willen da ist. Sie ist Teil eines ganzen Geflechts wechselseitig miteinander verbundener Facetten des Lebens. Aufgrund dieser Wirklichkeit fällt es mir schwer, stundenlang die Landschaft zu bewundern, ohne alles darum herum in einen entsprechenden Zusammenhang zu stellen. So funktioniert mein Kopf, auch wenn ich in andere Teile der Welt reise.

Als man mich einlud, diesen Essay auf Ruth Baumgartes Werk zu verfassen, zögerte ich zunächst. Ich gehöre zu jener Generation von Afrikanern, die in der Kolonialzeit geboren wurden und aufwuchsen. Wir wurden ausgiebig mit Gemälden konfrontiert, die von älteren europäischen Künstlern stammten, mit Afrikadarstellungen, bei denen es sich vorwiegend um Landschaften handelte. Es war so, als drehe sich für die Künstler bei Afrika alles um die Natur, im Guten wie im Bösen. Mit der Zeit begriffen wir die vielen Faktoren dahinter, darunter Grundwahrnehmungen, Geisteshaltungen, Absichten und Zwecke. Aber dennoch hinterließen diese Darstellungen eine unauslöschliche Spur in unseren Köpfen. Dies war mitnichten das Afrika, in dem unsere Vorfahren gelebt hatten, noch das, in dem wir lebten, – ein Afrika, in dem sich alles um Flüsse und Berge, Bäume und Blumen drehte, ohne einen einzigen Menschen weit und breit.

Aufgrund dieses meines Hintergrunds zögerte ich zunächst. Wie es in der Redensart heißt: „Der erste Schnitt ist der tiefste“. Obwohl es eine ganze Reihe anderer europäischer Künstler gibt, die Afrika umfassender darstellten, bleibt die in der Kindheit erworbene Geisteshaltung tief verwurzelt, und man benötigt einige Zeit, bis man sich an die Wirklichkeit angepasst hat. Es hatte aber auch damit zu tun, dass ich, obwohl ich drei Jahre in Deutschland verbracht und das Land, davor und danach, mehrfach besucht hatte, noch nicht ganz mit den Werken deutscher Maler vertraut war. Ja, ich kannte Ruth Baumgarte noch nicht einmal, von ihrem Werk ganz zu schweigen. Ich zögerte wegen ihres europäischen Hintergrunds und der mir fehlenden Vertrautheit mit ihrem Werk.

Ich war mir einfach nicht sicher, ob ich mich nicht mit Kunstwerken konfrontiert sehen würde, die gemischte Gefühle in mir auslösen. Doch als ich die Gelegenheit bekam, mir Beispiele von Ruth Baumgartes Werk anzusehen, war ich glücklich und erleichtert. Und als ich mehr Informationen über ihren Hintergrund erhielt, wurde mir vieles klarer. Ruth Baumgarte hatte Afrika über die Literatur kennengelernt. Wie für viele Europäer war Afrika für sie fremdartig und exotisch. Indem sie nach Afrika reiste, entkam sie der Welt, die sie kannte. Natürlich war sie von dem, wie sie sich die Landschaft und die Farben im Vorfeld vorgestellt hatte, angezogen worden. Als sie dann ankam, fesselte die Landschaft ihre Sinne tatsächlich, doch bald bewegten sie auch die Menschen, ihr Leben und ihre Traditionen und inneren Konflikte.

Zunächst besuchte sie Nordafrika, vor allem Ägypten. Doch schließlich sollte sie viele weitere Länder bereisen, darunter Südafrika, Botswana, Namibia, Simbabwe, Sambia, Mosambik, Kenia, Uganda, Tansania und Äthiopien. Bei allen diesen Besuchen verbrachte sie die meiste Zeit auf dem Land. Sie reiste per Jeep oder Zug, und ihre Touren dauerten jeweils zwischen sechs Wochen und drei Monaten.

Man kann durchaus anerkennen, dass sie derart extensive Reisen unternahm. Sie begriff, dass es sich bei Afrika nicht um ein Gebiet wie jedes andere handelte. Weder bestand noch besteht Afrika aus einer einheitliche Gruppe von Menschen. Die afrikanische Landschaft zeichnet sich in jedem einzelnen Land durch eine große Vielfalt aus, und erst recht gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern. So ist etwa der östliche Teil Südafrikas im Allgemeinen gebirgig, während die zentralen und nördlichen Teile vor allem flach sind. Andererseits gibt es in Simbabwe eine Vielfalt von Landschaften, während das Nachbarland Botswana vor allem aus Wüste besteht und flach ist.

Auch wenn ihnen einige Züge gemeinsam sind, unterscheiden sich die Leute doch von einem Landesteil zum anderen, von einem Land zum anderen. Die Unterschiede finden sich in den physischen Merkmalen – für Außenstehende sind sie möglicherweise nicht so offenkundig. Unterschiede gibt es aber auch bei den Kulturen und Traditionen und bei den Sprachen und religiösen Überzeugungen.

Die Kolonisierung Afrikas brachte eine Fülle neuer Themen mit sich. Die berühmte Berliner Konferenz von 1884/85 ging mit dem „Wettlauf um Afrika“ einher, bei dem mehrere europäische Länder Afrika unter sich aufteilten. Bei der Grenzziehung wurden indigene Völker ignoriert, in manchen Fällen wurden Gemeinschaften und mitunter sogar Familien durch willkürliche Grenzen auseinandergerissen.

Jedes europäische Land setzte in seiner neuen Kolonie (oder seinen neuen Kolonien) bestimmte Dinge durch, wie seine Sprache, seine Religion und seine Kultur. Die meisten afrikanischen Völker versuchen noch immer, ihre indigenen Kulturen und die europäischen Systeme in eine Art Gleichgewicht zu bringen; die Auswirkungen des Kolonialismus sind dauerhaft und auf dem ganzen Kontinent zu spüren. In den meisten Ländern sind die offiziellen Sprachen diejenigen der jeweiligen ehemaligen Kolonialherren, auch wenn dort immer noch die traditionellen und indigenen Sprachen gesprochen werden. Botswana, Sambia, Malawi und Simbabwe etwa waren britische Kolonien – Englisch ist heute also die offizielle Sprache. Senegal, Kamerun, Kongo usw. sind ehemalige französische, Angola und Mosambik ehemalige portugiesische Kolonien: Auch sie benutzen jeweils die Kolonialsprache als offizielle Landessprache.

Während ihrer Reisen durch und während ihrer Aufenthalte in Afrika begegnete Ruth Baumgarte dieser facettenreichen Wirklichkeit. Auch wenn ein Künstler unmöglich alle diese Aspekte des Kontinents erfassen kann, entspricht die Art der Darstellung in ihren Werken doch den Erfahrungen und Beobachtungen, die ihre Muse inspirierten.

Während der meisten Jahre, in denen Ruth Baumgarte ihre Reisen unternahm, durchliefen diverse afrikanische Länder einen historischen politischen Wandel. Simbabwe etwa war 1980 gerade erst unabhängig geworden und befand sich noch auf dem Weg zur Demokratie. Und Südafrika war in den 1980er-Jahren auf dem Höhepunkt seines Kampfes gegen die Apartheid und wurde erst 1994 unabhängig. Ruth Baumgartes Werke zeigen die politische Dimension dieser afrikanischen Erfahrung nicht offensichtlich, aber bei einer Reihe von Werken können wir die Stimmung, die damals auf der Straße herrschte, hervorragend festgehalten sehen.

Summa summarum ist eine Künstlerin von Ruth Baumgartes Format keine Journalistin. Sie war nicht in Afrika, um Aufzeichnungen ihrer Beobachtungen zu archivieren. Für sie war Afrika ein Kontinent, der ihr neue Erfahrungen ermöglichte. Die Erkundung der Landschaft und das Sich-unter-die-Leute-Mischen eröffneten ihr als Individuum und als Künstlerin neue Horizonte. Ihre Werke zeugen davon, wie tief sie sich nach Afrika hineinziehen ließ. Die Länder Afrikas und seine Völker waren für sie keine Modelle, die es auf der Leinwand festzuhalten galt, sondern ein integraler Bestandteil ihrer Lebensreise. Während sie reiste, befand sich auch Afrika auf seiner verschlungenen Reise, einer Reise, deren Ausgang niemand vorherzusagen vermag.