Das Tamtam der Farbe

Marina Pizziolo
Kunsthistorikerin, Mailand

Die zwei Koordinaten, die unsere Erfahrung auf der großen Karte des Lebens bestimmen, sind die Zeit und der Raum. Wenn aber der Schwindel der Zeit eine in sich selbst gewundene Spirale ist, dann ist der Raum, der in seiner Materialität schließlich die erste Konnotation unseres Lebens ist, vergeblich, weil unwirksam auf die Dauer der Zeit, die schließlich nur eine Dimension unseres Denkens ist. Diese  Konnotation beeinflusst uns schwerstens und unmittelbar. Und was ist der Charakter des Raumes, in dem nun jener Teil der Menschheit lebt, der sich in das Flimmern des digitalen Zeitalters gestürzt hat? Paradoxerweise die Leere – unser Raum ist nämlich ein Raum, der aus Subtraktionen gebaut ist: der Duft und die Farbe des Grases ausgelöscht vom Asphalt, der Horizont ausgelöscht von dem irren Diagramm der Gebäude, der Zauber der Nacht ausgelöscht von dem unerbittlichen Widerschein des künstlichen Lichts. Die Dimension der Metropole ist eine unerträgliche, jedoch unabwendbare Negation der Natur. Die Qualität der zeitgenössischen Architektur scheint viel zu oft von einer selbstsüchtigen Dünkelhaftigkeit verschrieben, die im Stahl, im Glas, im Zement, im Weißen ihren eigenen machtlosen Wunsch nach einer rostfreien Ewigkeit untergehen lässt. Kein Zufall also, wenn das Leben, das sich in dieser Szenerie bewegt, zu oft ein Leben ist, das in einer emotionalen Leere pulsiert – eine Leere, die von einer dringlichen Geschäftigkeit betont ist, die ihre tiefen Gründe verloren hat und nur der Logik einer a priori als unvermeidbar beurteilten Notwendigkeit folgt. Dann entsteht der Mythos des Körpers und dessen ewige Jugend, ein zerbrechliches Bollwerk, nur dafür errichtet, um die Scham eines Herzens zu verbergen, das unfähig ist, nach Höherem zu streben. Und dann der Mythos der Effizienz, mit dem Korollar der Negation der Kindheit und des Alters: unnütze da unfähige Lebenszeiten. Hier ist also eine Menschheit, die in dem totalen Schwarz der Kleider scheinbar für die verstorbene Freude trauert, die sie nicht mehr empfinden kann. Eine Freude, die durch eine bange Ruhe ersetzt worden ist, eine Freude, die auf dem Grund der Vernunft gebaut ist – die Freiheit der Einsamkeit, die Perfektion der Leere. Diese satinierte Leere hat die Wärme und den Duft der Haut aufgezehrt, den Klang des Lachens, die Zeit für das Weinen oder für das Zusammentreffen im Dunkel rund um ein Feuer, während die Nacht die Unendlichkeit des Himmels wieder findet.
Ruth Baumgarte hat keine Notwendigkeit empfunden, die Leere oder die Stille als Geheimnisse ihrer Intellektualität auszugeben. Sie hat nicht das Alibi derer, die keine Titel haben, übernommen, um sich dann in dem Labyrinth unaussprechbarer semantischer Wege zu verlaufen. Sie hat den malerischen Entwurf zu keinem ästhetischen Gag und zu keiner begrifflichen Laune reduziert. Es stimmt, heutzutage hat alles die schmeichelhafte Würde des Aktuellen, weil die Kunst keine Marschrichtung mehr finden kann. Sie hat aufgegeben, sich Zielen zu verschreiben. Gültiger als je wird dann die kunstvolle Definition von Ad Reinhardt: „Über die Kunst kann man nur sagen, dass sie Kunst ist. Die Kunst ist Kunst als Kunst, und der Rest ist all der Rest. Die Kunst als Kunst ist nichts Anderes als Kunst. Es ist keine Kunst, was nicht Kunst ist“ 1. Jedoch konnte Baumgarte eine genaue Richtung finden. Sie ist entschlossen gegen den Strom gegangen, um dem Fluss der Zeit entgegen zu fahren, auf der Suche nach den Wurzeln einer noch unverdorbenen Menschheit. Sie hat den idealen Hintergrund ihrer Geschichte in dem weit entfernten, zentralen Afrika gefunden. Hier kann die Freude noch in einen entfesselten Tanz, in eine wahre Ekstase entflammen. Hier kann der Schmerz vernichtend sein. Hier ist alles mächtig und klar, in guten und in schlechten Zeiten. Und das Leben hat den eindringlichen Geschmack eines Spiels, das man schnell spielen soll, bevor die Dunkelheit kommt, die für immer eintreten könnte.
In ihrer Malerei gibt sie sich nie einem oberflächlichen Mitleid hin; nie gibt es eine betrübte Anklage – das ist nicht das Ziel der Reise der Malerin. Baumgarte setzt sich mit Afrika auseinander, ohne dem paternalistischen Mythos eines höheren Wertes des Westens zu folgen. Ganz im Gegenteil: Ihre Malerei wird zur miterlebten Chronik denkwürdiger Ereignisse, wenn auch außerhalb der Zeit und der Geschichte – da die Geschichte nur den Gewinnern gehört und seit jeher auf weißen Seiten geschrieben ist. Die Ereignisse, dessen kostbare Zeugin Baumgarte ist, gehören stattdessen zu einer anderen Geschichte: der Geschichte, die das schwarze Volk in seinen Liedern überliefert, in seinen Märchen, in seinen langen Erzählungen. Eine Geschichte, die in jenem Tanz vibriert, dessen Rhythmus immer rasender wird. Jene Geschichte, die in einer Zeit pulsiert, die sich frei vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang entfaltet, mit dem natürlichen Wechsel von Licht und Dunkelheit. Eine Zeit, die nicht nur die einer Geschäftigkeit ist, die von der wirtschaftlichen Logik und ihren unüberlegten Rhythmen bestimmt wird, sondern eine Zeit, die in ursprüngliche, gewöhnliche und lebensnotwendige Tätigkeiten investiert werden muss, wie das Wasser zu tragen oder ein Feuer anzuzünden.
Wir sind nicht mehr bereit, zu warten. Die Wartezeit ist eine unterbrechende Pause für das Leben, da sie unproduktiv ist. Der Zauber Afrikas, den Baumgarte in ihren verschiedenen Arbeiten vermittelt, besteht auch in der Bereitschaft zu einer vertrauensvollen Wartezeit, ohne Furcht. Es gibt einige Verse, 1934 geschrieben von der genialen Dichterin Antonia Pozzi, deren Leben von tragischen Erlebnissen geprägt wurde – Verse, die ausgerechnet in der Wartezeit und in der Bereitschaft, zu warten, den Sinn der Liebe wieder entdecken. „Ich habe viel Vertrauen zu dir. Ich bin ruhig/wie der Araber eingewickelt/in seinem weißen Barrakan/der Gott zuhört/während Er ihm die Gerste rund um sein Haus reifen lässt“. In einem Werk von Baumgarte, „African Vision“, wird diese Bereitschaft zu warten in einer vollendeten Erzählung ausgedrückt, in der ruhigen Majestät einer Gruppe von Frauen, die unter dem unendlichen Himmel der großen afrikanischen Ebene sitzen. Bei Baumgartes deutender Intention sollte man unterstreichen, dass es immer eine Dauer in den Arbeiten der deutschen Malerin gibt: die Beschreibung eines Ereignisses, das -Aktion in der Zeit ist – ein ausführliches Geschehnis. Die verbale Kodierung der -Titel hat, und das ist kein Zufall, nie eine ästhetische Bedeutung, erschöpft sich nie in einer formalen Anmerkung, sondern hat die Aufgabe eines lexikalischen Brecheisens, um den Kern der malerischen Erzählung aufzubrechen. „Bearing a Message“, „Turn of the Fire“, „A man without livestock isn’t a man“ sind keine Werke, die man als farbenfrohe Verführung verstehen kann, sondern sie erklären offen ihre deutende Absicht. In dieser Hinsicht sind die Werke von Baumgarte ideale Seiten des Tagebuchs einer Reise in ein fantastisches Land, das von einer Menschheit bevölkert ist, die stolz auf ihre Tradition, ihre Vergangenheit und ihr Land ist.
In der zeitgenössischen Kunst wird dem Figürlichen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn die Räume der Metropolen aus Subtraktionen gebaut sind, dann ist die Kunst eine Antonomasie der städtischen Dimension, da sie Spiegel oder mächtiger Gegensatz der sozialen Macht ist, die sich auf die Stadt konzentriert. In den meisten Fällen erscheint diese Kunst als ein Verfall in die Leere – eine Leere, die sich aus den Werken als monochromer Farbauftrag erhebt, als Abstraktion, oder, wenn sie die Wege der Wirklichkeit wählt, als Prahlen eines Raumes, der fast immer unbewohnt und von den Menschen gesäubert ist. Die Werke von Baumgarte sind im Gegenteil fast nur figürliche Werke. Portraits, aber viel öfter chorartige Zusammensetzungen, in denen die Figuren Teil eines umfassenden Geschehens sind. Interessant ist die Art, in der sich diese Figuren in den Raum stellen. Der Hintergrund ist nämlich nie ein träger Hintergrund, sondern ein flüssiges Werden, durch das die gleichen farbigen Flutwellen ziehen, die auch die Gesichter und die Körper bilden. Die Farbfusion ist so beschaffen, dass die Figur fast eine vorläufige Erscheinung ist – eine vorübergehende Konkretion, die in die Farbwellen zurückfließen muss, welche die Erde, die Flüsse, die Berge und die Ebene gestaltet haben. Es ist dann genau dieses verführende, bildliche „all over“, in dem sich die stilistischen Merkmale der Malerei von Baumgarte entfalten. Eine malerische, dichterische Schrift, die das Maß für eine totale Fusion zwischen Mensch und Umwelt darstellt – eine Fusion, die in jenen weit entfernten Ländern noch möglich ist. Und zusätzlich ist sie Ausdruck eines Sinns für die Mächte der Natur, die dort noch herrschen. Eine Natur, die nicht gezähmt und erniedrigt von einer arroganten und kapillarischen Kontaminierung ist, sondern heutzutage noch fähig ist, den Menschen mit grenzenlosen Horizonten zu überwältigen, mit pulsierenden, nächtlichen Himmeln, atemberaubenden Sonnenuntergängen, weit entfernt von den traurigen touristischen Ritualen der verschiedenen „sunsets“, die in „all-inclusive“ Urlaubspaketen angeboten werden.
Die Malerei von Baumgarte ist ein wahres Feuer der Farben. Die Bilder sind von Pinselstrichen berührt, welche die beherrschenden Farben rot, blau und gelb in einem entflammten Kontrast abwechseln. Die Hell-Dunkel-Werte werden folglich vom Wechsel der starken Betonungen neu entdeckt. Diese Hell-Dunkel-Werte prägen die Gestalten als nicht erforschte, jedoch vibrierende Lichteinheiten, welche die ganze wunderbare Wärme des afrikanischen Landes enthalten. Aus den Werken strömt eine vibrierende Hymne an die Freude, an eine heidnische Helligkeit, die die wesentlichen Emotionen, die wunderbare Wärme des Lebens enthält. Eine Wärme, die Lachen, Wut, Weinen, Hass, Leidenschaft und Liebe ist. In diesem Moment erhebt sich aus den Werken von Baumgarte ein besessenes Tamtam, das das Glas zerbricht, hinter das wir gefallen sind – das eiskalte Aquarium, das unser künstliches Überleben als Menschen erlaubt, die ihre Seele vergessen haben.