African Visions

Dr. Hubertus Froning
Folkwang Museum, Essen

Afrika wurde im 19. Jahrhundert von Malern entdeckt. Zunächst war es natürlich Nordafrika, denn Zentralafrika war noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Für Delacroix z.B. setzte eine fieberhafte Tätigkeit seit seiner Marokko-Reise ein, die vollkommen auf die Rhythmik strahlender Farben abgestimmt war. Die Physiognomie des Landes zog ihn seither bis an sein Lebensende in den Bann.
Auch die von Klee, Macke und Moillet am Anfang des 20. Jahrhunderts in Tunis entstandenen Werke, in denen sich die Eindrücke des Landes spiegeln, kennen wir als lichtdurchtränkte Farbharmonien. Erst hier kultivierten die Künstler ihre Sensualität, die Malerei auf die Sinneseindrücke zu gründen und alleine die Farbe als Ausdrucksträger walten zu lassen. Um wie viel mehr muss die intensive farbige Wirkung der Natur Zentralafrikas Baumgarte beeindruckt haben, ein Erlebnis, das sie zu einer neuen Bildauffassung führt, welche sie die durch die Tradition geheiligten Mittel der Kompositionsgesetze vergessen lässt und nun in der in den ungebrochenen Farbmassen pulsierenden Natur ein Gesetz von Schönheit erblicken lässt. Kein Wunder, dass seit dem Erlebnis Afrika eine Zäsur in ihrem Schaffen einsetzt.
Landschaft und Menschen dieses Kontinents wurden zur wichtigsten Quelle ihrer Kunst und bilden bis heute auch in den Erinnerungsbildern das zentrale Thema. An Afrika entzündet sich Baumgartes eigentliche künstlerische Individualität zu einem ausgeprägten Eigenstil, der zwar Zeitbedingte Modifikationen erkennen lässt, die aber gemeinhin zugunsten des Personalstils wieder abgelegt werden.
So erscheint im Ganzen das Thema Afrika als ein einheitlicher Komplex. Mag man ihren Stil als expressiv bezeichnen, so hat er doch nichts mit Expressionismus zu tun. Mögen ihre Darstellungen manchmal realistisch erscheinen, so haben sie doch nichts mit Realismus und auch nichts mit Verismus im herkömmlichen Sinn zu tun. Wir sehen, stilistische Einordnungen erleichtern nicht unbedingt den Zugang zu ihrem Werk.

Für Baumgarte sind Farbe und Licht die Grundthemen, das eigentliche Medium ihrer Darstellungen, jedoch nicht als wirkliche Erscheinung der Naturgegebenheiten, sondern als leitende Kraft einer Vorstellung und einer Empfindung und ebenfalls als Bezugspunkt der inneren zur äußeren Welt. Tatsächlich zeigen Themen und Motive, die Baumgarte liebt, das Aufgehen des Menschen in der Natur, ein Integrationsbestreben, das sie meisterhaft bewältigt. Hier zeigt die Künstlerin in der Souveränität die Beherrschung ihres Handwerks. Alles, was sie sieht und persönlich bewegt, wird begierig aufgenommen und verarbeitet. Keine hektische Suche nach aktuellen Bezügen, keine Effekthascherei um des Erfolges willen, sondern beharrliches Durcharbeiten von malerischen Problemen.

Bei der Afrika-Thematik empfindet sie die Variante und Metamorphose als ihre eigentliche Aufgabe. Mögen sich bedingt durch ihre Reisen Menschen und Orte verändern, ihre Kunst bleibt sich beharrlich treu. Sie folgt keinen Manifesten oder abstrakten Thesen, weil sie von der Notwendigkeit ihres Tuns überzeugt ist. In unvergleichlicher Farbenglut erscheint das Licht. Dieses Medium hat eine Doppelfunktion: die Dinge in ihrer plastischen Konsistenz darzustellen und mehr noch, als eine Erscheinung umzusetzen, in der sich Farbe verwirklicht. Licht als Farbe und Farbe als Licht zu begreifen, das wird in den Bildern zu einem künstlerischen Ereignis, ja zu einer dramatischen Kraft. Das Fanal eines ungebrochenen Farbakkords von Gelb, Rot und Blau bildet - z. B. in dem Bild „Rain“ von 1994 - die Grundstimmung. Die malerische Farbe holt zwar die Gegenstandsformen von Figur und Landschaft heraus, beschränkt sich aber gleichzeitig nicht nur auf die motivische Funktion, sondern lässt Farbinseln von signalhafter Wirkung in fast bis zum Eigenwert stilisierten Formen entstehen, die im Bildzusammenhang ein Ordnungsgefüge im Sinne einer malerischen (nicht tektonischen) Struktur entstehen lassen.

Keine Frage auch, dass sich die drei Grundfarben in ihrer Intensität gegenseitig steigern. Ebenfalls überzieht eine Struktur bunter Farbflächen den gesamten Hintergrund, der durch den Kontrast zur unmittelbaren Präsenz des Dreifarben-Akkords unter Ausschaltung der Linearperspektive als Tiefenwirkung vom Betrachter wahrgenommen wird. Auch die räumliche Beziehung der Vordergundfiguren zueinander und deren Körperlichkeit wird allein durch die Leuchtkraft der Farben definiert. Die Raumwirkung entsteht also nicht durch eine perspektivische Konstruktion, sondern resultiert aus dem Zusammenhang der Farben. Sie stehen als helle und dunkle, warme und kalte Flächen zueinander.

Ihre Leuchtkraft ist nur wenig durch Schattenbildungen gemindert und hat - ein reizvolles Spannungsmoment - neben ihrem Darstellungswert die Wirkung von farbiger Materie. Die Bildfläche durch Farbe zu organisieren durchzieht als gemeinsamer Nenner die gesamten Afrikabilder.


In dem diesen Sujets gewidmeten Komplex kann Baumgarte ihrer Phantasie alle Freiheit geben. Hier kann sie ihre Vorstellung von der absoluten, intensiven Wirkung der Farben verwirklichen, ohne jedoch je die Bindung an die Natur zu verlieren, die immer Voraussetzung ihres Schaffens ist. Hier kann sie durch die vitale Kolorierung ihr Streben nach Unmittelbarkeit und Spontaneität realisieren. Denn bevor der Betrachter noch den Gegenstand erkennt, packt es ihn, ist er fasziniert von der Macht der Farbe. Mit der Bewältigung der formalen Gestaltung konnte sich Baumgarte nicht mehr damit begnügen, einfach „I‘art pour I‘art“ zu machen.

Jetzt identifiziert sich nämlich die evokative Leuchtkraft mit Emotionen und Empfindungen. Baumgarte will sich mitteilen, das Sichtbare nicht allein wiedergeben, sondern auch deuten. So praktiziert sie eine subjektive, ekstatische Malerei, die neben der sichtbar dinglichen Darstellung auf Form und Komposition bezogen ist. ‚Hier agiert ein Mensch des 20. Jahrhunderts, dem nicht alleine die äußere Erscheinung wichtig ist, sondern durch ihre Emotionen und Empfindungen auch der Instinkt, das Unbewusste.

Wichtig wird die Anschauung ihres Inneren, das Gegenbild, das der bildnerische Instinkt als Reaktion in der Vorstellung entwirft. Dabei geht das subjektive Empfinden für Farbwerte und der Farbauftrag ein harmonisches Verhältnis ein. Bei den breiten voll-strömenden Farben mit großem malerischen Reichtum würde kaum jemand glauben, dass eine über 70-jährige die Welt in solcher Frische, Lebendigkeit und Großartigkeit zu erleben vermag. Ihre Bilder sind jedoch weder Vision noch Traum, sie sind fassbares Dasein durch leuchtende Farben gesteigert, eine Erhöhung der gegenwärtigen Welt in sichtbarer Erscheinung und ungeheurer Fülle.

Immer wieder geht Baumgarte auf den Sinnenreiz des Lichtes ein, indem sie die Oberfläche mit Buntformen überwuchert, die, interpretiert als Lichtwerte, im wesentlichen die Flächendynamik ausmachen. Nie behindert die Dinglichkeit den Bewegungsimpuls, die Freiheit und Dynamik des Pinselstrichs. Mit dem Entschluss, neben der Existenz der Dingwelt die Suggestivkraft der Farbe wirken zu lassen, wandelt die Künstlerin die Bildoberfläche in ein flimmerndes, vibrierendes Erscheinungsbild mit der Steigerung ins Erregte, ohne dabei die Schwelle zur expressiven Abstraktion zu überschreiten oder ins autonome Ornament abzugleiten.

Denn täuschen wir uns nicht, bei allem Autonomiebestreben der Farben, das fast alles Dingliche übertönt und als sinnliche Qualität den Betrachter unmittelbar anspricht, ist die Farbe trotz aller Freiheit dem Gegenstand verpflichtet.

Sie bildet, wie wir gesehen haben, zwar nicht präzise ab, aber sie bezeichnet auch nichts anderes als ihn. Auf keinem Bild schwingen sich etwa Linien oder Farbflächen auf einen Rhythmus ein, der sich selbst trägt. Sobald eine solche Formensprache sich im Ansatz andeutet, bricht sie ab, wird beiläufig abgewandelt, um auf das hinzuweisen, was im Bild doch so fern scheint: den Gegenstand.

Aus unseren Beobachtungen lässt sich zeigen, dass die Afrikabilder zwar aus der Naturwahrnehmung hervorgehen, aber dass sie auch in Distanz zur Realität stehen und als Innenbild geschaffen sind. Das Erlebte ist in ein Klanggefüge übertragen, in dem die Bildelemente als innere, erfahrene Wirklichkeit erscheinen. Die Bilder zeigen also nicht primär, sondern verweisen auf die Realität. Im Bild kommt sie eher aus dem inneren Bewusstsein. Eine Beschränkung und bildnerische Festlegung auf das rein Anschauliche widerspräche ja auch der heutigen Erfahrung von Wirklichkeit, deren Realität und Komplexität dem sinnlichen Begreifen zunehmend entzogen wird. So ist z. B. das Infernal eines flammend aufleuchtenden Himmels als Ansicht schlecht ins Bild zu bringen.

Aus der Erkenntnis der Unangemessenheit des bildnerischen Hinweises heraus kann man den Eindruck nur in oft übersteigerter Form andeuten. Für die Zeichnungen ist es wichtig, auf die Orientierung zur Malerei hinzuweisen, weil auch die Zeichnungen von einer malerischen Hand geprägt sind. Auch hier steht, wie in der Malerei, der Mensch als Studienobjekt im Vordergrund. Auch hier bestimmt ein freier unkonventioneller Rhythmus die Zeichenstile.

Die taktilen haptischen Werte, wie das Licht, das den Körper plastisch modelliert, ihm Volumen gibt und den Anschein von Organischem, Fleisch und Haut aufkommen lässt, sind heruntergespielt zugunsten von malerischen Werten, die die Körper eher flächenhaft im Wechsel von Hell zu weichem Dunkel rhythmisieren. Unter Verzicht auf allzu starke Kontraste schafft Baumgarte transparente Schatten von grauer Tonigkeit. Dabei lässt die flächenhaft großporige Strichführung, die über die Figuren hinweghuscht, das helle Papier hindurchschimmern. Die Künstlerin erreicht damit nicht nur ein offenes Formgebilde, sondern auch eine Fülle abgestufter Lichtwerte.

Es gibt keine qualitativen Unterschiede zwischen der Epidermis und der textilen Kleidung, so dass das visuell Wahrgenommene der Wirklichkeit umgewandelt wird in eine optische Erscheinung eines frischen, ungebrochenen Sinneseindruckes. Auch wenn die Figuren weitgehend durch eine gliedernde und eingrenzende Kontur bestimmt sind, so ist die Umrisslinie neben ihrer funktionellen Bestimmung auch Ausdruck eines lyrischen Empfindens. Geht es doch Baumgarte nicht um die strukturelle Erfassung des menschlichen Körpers, nicht um Bewegungsanalysen, sondern um die Erscheinung von flackernden Licht- und Schattenwerten, die den Sinnesreiz ansprechen. Baumgartes Bilder und Zeichnungen erschließen sich einerseits aus dem Motivischen, mehr aber noch aus dem unmittelbaren Augenerlebnis, aus dem reinen Sehen. Technische Perfektion, vollendete Handschrift, souveräne Anwendung der Farbe offenbaren als Summe von Anschauung und Erlebtem etwas vom Wesen der Natur Afrikas und von ihrer Ordnung.